Oh Weihnachtsbaum

Oh Weihnachtsbaum

 

In der letzten Woche habe ich mit meinem Großvater einen Weihnachnachtsbaum geschnitten. Oder sagt man geerntet oder einfach nur abgesäbelt?

Gut ja, der Baum sollte eh gefällt werden, dann kann er ja auch gleich unser Weihnachtsbaum werden. Schon klar für uns. Aber für den Baum? Er stand da so, mit weit ausgebreiteten, dunkelgrünen Astflügeln, reckte sich in alle Richtungen und sah wirklich majestätisch aus. „Oh, dass wäre ein schöner Weihnachtsbaum!“ sagt meine Tochter im Vorbeigehen. Das IST ein schöner Weihnachtsbaum. Wir könnten ihm hier draußen eine Lichterkette umlegen und glitzernde Sterne, Kugeln und Vogelfutter dazuhängen. Die hungrigen Meisen könnten mit uns Weihnachtlieder singen und der Baum würde mit den Sternen um die Wette funkeln. Er würde feierlich und majestätisch in die dunkle Weihnachtszeit leuchten. Für jeden der vorbeigeht oder fliegt. Ein echter Weihnachtsbaum. Ich glaube, dass würde ihm gefallen. Und mir auch.

Statt dessen werfen wir ihm eine Schlinge um den Hals. Ich ziehe mit der Kraft meines ganzen Körpers und mein Opa sägt halsbrecherich auf einer Leiter an seinem Stamm. „Bäumchen, Bäumchen“ murmele ich, „es tut mir so leid. Du bist wunderschön, alle werden sich über dich freuen.“ Ritsch, ratsch. Die Spitze wackelt, ich ziehe nocheinmal und zwei drittel der Majestät landen mit einem Klatsch auf der Wiese. Seine ausgestreckten Flügel hängen etwas schlaff herunter und straffen sich auch nicht mehr zu ihrer alten Schönheit.

Wir tragen ihn hinein und er trägt seine erblassende Erinnerung an Wurzeln und Himmel mit sich.

Da steht er nun, wie all die Jahre. Hoch, bis unter die Decke, geschmückt und beleuchtet. Wundert er sich? Auf der Wiese bleibt ein mannshoher Stumpen mit dichten, weit ausgestreckten Ästen zurück. Drinnen steht sein Oberteil, ohne Wurzeln und Himmel. Er ist ganz hübsch, wie immer. Die Kinder sind glücklich. Was hab ich denn nur? Mir geht sein Bild als ganzer Weihnachtsbaum nicht aus dem Kopf.

 

Stella Maris