Maria im Dornwald

Maria im Dornwald

 

 

 

Ende November. Es ist zehn Minuten vor drei – die Sonne verschwindet hinter den Spitzen des Kiefernwaldes. Irgendwo scheint sie noch. Aber nicht mehr hier – nicht mehr für mich.

 

Drei Uhr. Die Dämmerung setzt langsam ein, aber es ist noch Tag genug um in den Dornwald zu gehen. Der Dornwald ist eine dichtes Brombeergebüsch in meinem Garten, mit dem ich schon lange verabredet bin. Ein Hauch Frost hat sich auf die Wiese gelegt und ein leichter Wind schiebt die Kälte unter die Handschuhe und in die Ohren. Ich kämpfe mit meiner Brombeerhecke. Es verschlingen sich dornige Ranken zu einem undurchdringlichen Gebüsch. Mit langen Armen erreicht sie mich überall, verhackt sich in den Haaren, in der Jacke und bohrt sich in der Jeans fest. Ihre Widerhacken kennen nur eine Richtung und so zieht sie mich immer tiefer ins Gebüsch hinein. Ganz sicher war Dornröschens Rosenhecke eine Brombeere!

 

Sie hat mich mitsamt meiner Heckenschere verschlungen und nun umgibt mich ein scheinbar unlösbares Chaos aus trocken und frischen Zweigen. Überall Stacheln. Alle fest verhackt ohne Anfang und Ende. Ziehe ich an einer Ecke, bebt bedrohlich der ganze Busch und krallt sich noch fester an mich. Die Brombeere fordert mich heraus. Sie lädt mich ein und ich habe die Wahl zwischen Panik und Hingabe.

 

Chaos. Ich beginne es zu zerkleinern, in logische Einzelteile zu zerlegen. Schritt für Schritt. Schnitt für Schnitt. Hier in diesem dornigen Wirrwar begegne ich dem Chaos, ohne dass es mich verstört oder lähmt. Die Brombeere gibt die Geschwindigkeit vor:

 

Keine entnervte Geste, kein ungeduldiger Handschlag. Sonst verhacke ich mich, hänge schmerzhaft fest. Also arbeite ich ruhig und liebevoll.

 

Die Brombeere gibt die Richtung vor: Trieb für Trieb, Widerhacken für Widerhacken entferne ich alte Ranken, lege Junge, Kräftige für das kommende Jahr frei. Zähme sie ein bißchen, damit diese urwilde, kraftvolle Alte mit ihre kostbaren Früchten in meinen kleinen Garten passt.

 

Zwanzig Minuten vor fünf – tiefe Dämmerung. Das Tageslicht reicht gerade noch um das Werkzeug auf dem Boden vom Laub zu unterscheiden. Hier draußen ohne Strom verläuft die Zeit in ihrer eigenen Geschwindigkeit. Es ist still und dunkel. Ich bin sehr müde und dankbar. Ruhezeit. Es ist alles getan. Ich habe mich hingebungsvoll dem Chaos gestellt, den Dornwald in eine lichte Hecke verwandelt und die Brombeere selbst hat mir dabei geholfen.

 

 

 

Stella Maris