Gestern in der Stadt hat mich die erste Holunderdolde angelacht.
"Huch. Ist es schon soweit?!"
"Was denkste?" lacht sie mir zu. "Die Robinien blühen. Und der Weißdorn auch und bald, meine Liebe, ist die Linde soweit. Alles will
blühen!"
"Ja, ja." stammel ich hektisch "Hab ich alles gesehen. Die Rosen kommen und Flieder und Maiglöckchenduft habe ich schon tief eingesogen. Aber..aber
könnt ihr nicht ein bisschen langsamer machen? Ich komme gar nicht hinterher... Ich meine, ist nur sone Frage..."
Der Holunder scheint sich richtig zu amüsieren.
"Worauf sollten wir deiner Meinung denn warten?"
"Ähm,na auf mich. Ich würde euch gerne in Ruhe bestaunen, an euch riechen, euch sammeln, verarbeiten, trocknen. Unterm Hollerbusch liegen und
einfach nur in die Wipfel schauen."
"Soso." sagt der Holunder "Du brauchst also mehr Zeit."
"Jaaa!" rufe ich "Ganz genau. Mehr Zeit. Alles geht so schnell. Ich komme einfach nicht hinterher. Es ist soviel los."
Der Holunder schüttelt seine Äste: "Hast du mehr Zeit, machst du mehr Dinge. Mehr Pläne. Mehr Ziele."
Ich will rufen "Stimmt gar nicht!" aber ich schweige und fühle mich ertappt.
"Wann.." unterbricht er meine trüben Gedanken "..ist der Moment, in dem sich der Raum weitet und du mitten im großen Treiben zur Ruhe kommst?
Wann wirst du still, obwohl es laut ist.
Wann schließt du einen Moment die Augen, anstatt dich abzulenken?"
"Kann ich mir doch gar nicht erlauben" sag ich verärgert "dafür hab ich keine Zeit. Es ist halt wirklich viel zu tun."
"Ja, ja." schmunzelt der Holunder und lässt gleich noch eine Dolde erblühen.
Die Zeit, die Zeit.
Die ist mal klein, mal weit.
Stehst du auf einem Bein,
kann sie ganz schön lange sein.
Musst du dich eilen oder warten -
die Zeit, die hat soviele Arten.
Mal scheint sie kurz, mal viel zu lange
sie dehnt sich in der Warteschlange.
Und schrumpft beim Wettlauf mit der Uhr
Ihr ist das gleich, doch eines nur:
Je schneller du rennst
je kürzer du pennst-
je mehr du schon ans nächste denkst
und damit den Moment verschenkst.
Umso schneller wird sie rinnen
die Zeit geschieht nur in dir drinnen.
Halte an, halte ein
es muss ein Augenblick nur sein.
Nimm alles wahr
sei jetzt ganz da.
Ein Atem, ein Blick
ein kleiner Schritt zurück.
Im dem Moment gibts soviel zu gewinnen
die Zeit, die veränderst du in dir drinnen."
Mit diesen Worten lässt der Holunder noch eine weiteren weißen Blütenschirm erblühen und tanzt gemütlich und schweigend im Wind.
Naja. Ich kanns ja mal versuchen. Ich bedanke, bleibe einfach stehen und schaue auf die weißen Dolden. Ich genieße sie. Nur jetzt. Nicht mehr.
Nicht weniger und für einen Moment wird es still in mir.
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