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Thomas Lange und der Beinwell

Es ist November. Ein nebeliger, blattloser Novembertag in einem Dörfchen am Rand der Zeit. Ich spaziere mit einer Gruppe Kursteilnehmer durch den malerischen Brandenburger Ort. Wir sind auf dem Weg in die Beinwellernte. Es ist Zeit – Wurzelzeit. Die Kulisse für unser Vorhaben könnte passender nicht sein.

 

Die Wiese am Rande des Dorfes versinkt in dichtem, mystischen Nebel, gerahmt von einer sanft hügeligen Landschaft.

 

Es herrscht vollkommene Stille. Auch wir sind still. Jeder kniet vor einer Pflanze nieder, murmelt einen Dank und dann – dann fangen wir an. Jeder für sich. Wir graben mit den bloßen Händen in der lehmig feuchten Erde. Beginnen Stück für Stück unsere Beinwellwurzel zu bergen.

 

Ich versinke im Nebel, versinke mit meinen Händen in der Erde. Ich buddele mich vorsichtig abwärts und erfühle das dichte, weite Wurzelgeflecht meiner Beinwellpflanze. Ein Regenwurm kommt mir entgegen. „Danke.“ sagt er vielleicht. „Danke, dass du mich nicht mit einem Spaten zerhackt hast.“

 

Ich breche mir mehrere Stücke der Wurzel ab und schließe gründlich das Loch. Die Pflanze steht völlig unberührt, als wäre nichts gewesen.

 

Ich bin so versunken, dass ich nicht bemerke, wie wir schon seit einer Weile beobachtet werden. Na klar. Was dachte ich denn? Keine Wiese ohne Besitzer und in einem kleinem Dorf kann man auch nicht unbemerkt merkwürdige Dinge tun.

 

Eine kleine Gruppe Männer lehnt an ihrem Gartenzaun und beobachtet unsere seltsame Formation. Als ich schließlich aufschaue, schlendert einer von ihnen über die Wiese und kommt direkt auf uns zu. Ich gehe ihm eiligen Schrittes entgegen. Schon hat er die erste Teilnehmerin erreicht, die gerade über ihrem Beinwell kniet und hilfesuchend in meine Richtung zeigt. Ich straffe mich und gehe noch ein bißchen schneller. Der Mann ist groß, trägt Tarnhosen, eine Arbeitsjacke und ein Basecap. Er hätte jetzt das Gespräch mit: „Wat wird‘n dit, wenns ferddich is?“ beginnen können und das wäre kein guter Anfang für uns geworden.

 

Stattdessen komme ich ihm zuvor: „ Na, unbefugtes Betreten von Privatgelände?“ frage ich entschuldigend und frontal versöhnlich. „Kann man so sagen.“ Der große Mann schiebt sich die Mütze ein Stück in den Nacken.

 

Sie fragen sich bestimmt, was wir hier treiben, wa?“ Er nickt. „Ja, ick wollt mal kiecken, wat ihr hier so macht.“ Bevor er mir sagen kann, wie er uns findet und wohin wir möglichst verschwinden sollen, rede ich weiter: „Ja, wir sind eine Gruppe aus der Herberge im Ort. Wir machen eine Weiterbildung zum Thema Heilpflanzen und haben hier gerade Beinwellwurzeln gegraben.Ich zeige ihm meine Ernte. „Kennse Beinwell?“. Er schüttel den Kopf „Nee, dit sacht mir nüscht.“ “Ihre ganze, schöne Wiese ist voll davon.“ und ich mache eine ausladende Bewegung. Ich erläutere ihm die heilende Wirkung auf verletztes Gewebe und schmerzende Gelenke. Er hört mir interessiert zu. Für den Fall, dass er die Pflanze jetzt auch schon sehr lieb gewonnen hat, entschuldige ich mich lieber noch einmal: „ Ich hoffe, das ist in Ordnung, dass wir hier Pflanzen ausgebuddelt haben.“ und versichere ihm, dass das dem Beinwell nichts ausmacht und er problemlos weiterwachsen wird. „Der Bauer winkt ab: „Ach, dit is ejal.“ Vielmehr interessiert ihn die Fortsetzung meines Vortrages: „Und wat macht ihr jetzt damit?“ Ich erkläre ihm, dass wir aus dem Beinwell eine Salbe kochen werden, die man dann auf die betroffenen Stellen aufträgt. Der Bauer greift sich unwillkürlich an seine Hüfte. „Soll ich ihnen morgen eine Salbe vorbeibringen?“ Sein Gesicht hellt sich auf: „Hilft dit denn?“ fragt er hoffnungsvoll. Ich nicke zuversichtlich: „Also nicht bei allem, aber ziemlich oft. Muss man einfach ausprobieren.“ Wir sind beide zufrieden. „Wo wohnen sie denn?“ frage ich „Na da“ und er zeigt in Richtung der Häuser, als wäre das ganz sonnenklar. Ich schaue ihn fragen an. „Na dit vorletzte Haus. Dit mit dem Feldsteinsockel.“ Dann reicht er mir seine große Hand. „Thomas“ sagt er „Thomas Lange“

 

Am Sonntagabend, als der Kurs vorbei und der Beinwell in Salbe verwandelt ist, suche ich in der Dunkelheit das Haus von Thomas Lange. Ich klingle an der Tür und es öffnen mir eine Frau und ein neugierig lächelndes blondes Mädchen. Ich sehe die Fragezeichen über ihren Köpfen. „Hallo.“ sage ich so freundlich es geht.„Ist denn Thomas da?“ frage ich „Ich hab hier was für ihn.“ Die Fragezeichen werden größer. „Ick hol ihn mal.“ sagt die Frau und verschwindet mit dem Mädchen in der oberen Etage. Thomas kommt die Treppen runter und schaut mich etwas überrascht an. Hat er etwa gedacht, ich komme nicht?

 

Ich überreiche ihm die Salbe: „Hier, von deiner Wiese.“ sage ich feierlich. Er bedankt sich und sieht ehrlich erfreut aus. Beim Verabschieden drehe ich mich nocheinmal um:

 

Ach Thomas..“ sage ich

 

Ja?“

 

Ich wollte dich schon mal vorwarnen.“

 

Wattn?“

 

Im nächsten Jahr um die Zeit komme ich wieder mit einer Gruppe, in deiner Wiese buddeln. Is dit okay?“

 

Thomas winkt ab: „Na klar. Keen Problem.“

 

Ich düse ab und freue mich. Freue mich über den Brückenschlag zwischen unser Gruppe, dem Beinwell und Thomas Lange.

 

 

 

 

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Kommentare: 4
  • #1

    Helmut Reichardt (Donnerstag, 04 Dezember 2025 18:23)

    Danke! Es ist wunderbar, wenn zwischenmenschlicher Brückenbau gelingt.

  • #2

    Kathrin Trinkwitz-Jäger (Freitag, 05 Dezember 2025 06:56)

    Schön geschrieben. Frag ihn nächstes Jahr mal, ob es geholfen hat...

  • #3

    AlexG (Freitag, 05 Dezember 2025 22:26)

    Danke für diese Schilderung. Sie hat meinen Tag bereichert.

  • #4

    Anke (Samstag, 06 Dezember 2025 20:31)

    Die Geschichte hat mir ein Lächeln in‘s Gesicht gezaubert. Danke!